Der innere Weg | Selbsterkenntnis

Grenzerfahrungen

Kurdistān. Entlang der türkisch-syrischen Grenze entdecke ich eine Region die mich sehr berührt und in ihren Bann zieht. Hier erwacht der Orient und zeigt sich in allen Facetten des täglichen erLebens.

Den Golf von İskenderun, und somit den östlichsten Punkt des Mittelmeers, hinter mir lassend, überquere ich das Nurgebirge »Nur Dağları«, und tauche ein, in faszinierende Landschaften, geprägt von karger Vegetation.

Steinerne Wellen erheben sich wie Türme aus dem Boden, die gen Himmel zeigen und fließen dann, wie lange sanfte Dünen anmutend, zurück in die Ebenen hinein. Bizarre Furchen und Schluchten, zum Teil tief in die Erde eingekerbt, lassen Plateaus hervorkommen, die – wie aus den Tiefen der Erde angehoben – erscheinen.

Satte Farben betören die Sinne: Ocker. Umbra. Siena…. später wird das unbeschreiblich tiefdunkel changierende Petrolgrünblau des Euphrat, diese berauschende Farbsymphonie noch vervollständigen.

Im wilden Kurdistān

Am Euphrat  

In diesen Tagen habe ich vor, so nahe wie möglich, an der Grenze zu Syrien längs zu fahren. Meine erste Begegnung mit Grenzwachen war dann doch recht überraschend…

Bei Incirli ist es mir durchaus bewusst, dass mich der schmale Karrenweg sehr nahe an die Grenzlinie führt. Langsam tuckere ich auf holperigen Pisten durch steinige Landschaften. Kaum besiedelt, einzelne Bauern die ein bisschen Viehwirtschaft betreiben. In der Siedlung bleiben die Menschen stehen und schauen. Ihre Blicke zeigen ganz offen ungläubiges Staunen, ob des Vehikels samt weißhaariger Pilotin. Vermutlich kommt hier selten so ein Gefährt (und Inhalt) des Weges entlang. Interessiert und mit Weile wird jetzt beäugt, ob ich mein Stahlross durch die Enge zwischen den Behausungen rangieren kann. Die Außenspiegel einklappen, langsam und mit Ruhe, Zentimeter für Zentimeter voran – dann ist es geschafft und die Vorstellung beendet. Weiter geht’s auf der Piste Überland, bis nach einer Biegung überraschend links und rechts Stacheldraht-Spiralen den Weg säumen und sich vier bewaffnete Soldaten in fast choreografischer Synchronizität zu mir umdrehen – die Maschinengewehre halb erhoben in beiden Händen haltend.
Ich nehme die Situation wahr, wie sie sich zeigt. Ich bin überrascht, aber ich interpretiere nichts hinein – ich fühle keine Bedrohung…

Entlang der Grenze zu Syrien

Die Gesichter der Soldaten zeigen mindestens genauso viel Verblüffung, wie sie umgekehrt in meinen Zügen erkennen dürften. Hier stehen wir uns gegenüber: Mitten im Nirgendwo!

Zwischen dem Stacheldraht zu wenden ist unmöglich, also muss ich ganz zum Schlagbaum vor und gebe ruhig mit einer Geste zu verstehen, dass ich Wenden werde.

Die Waffen dürfen wieder am Riemen über der Schulter hängen und ich bekomme ein Handzeichen: Alles OK.
Und zum Gruß, eine erhobene Hand…

Weites Grenzland  

Friedlich. So nehme ich die hügelige Weite, durch die ich seit Stunden diesseits des Grenzzauns fahre, wahr. Es ist viel Militär präsent. Große Kasernen entlang der Demarkation. Die Soldaten und Wachen wirken durch mein Auftauchen erstaunt, interessiert, sehr aufmerksam und doch gelassen ruhig. Sogar als ich versehentlich in eine verbotene Sperrzone fahre, was ich erst im Nachhinein feststelle, gibt es keine Probleme. Ich finde obendrein meinen Übernachtungsplatz im Sperrgebiet, an einer ehemaligen Wachstation, 10m neben dem Grenzzaun, wo ich mich tatsächlich »gut aufgehoben« fühle.
Zwischen den etwas skurril wirkenden Stacheldraht Kugeln, die wie überdimensional wirre Wollknäuel herumliegen, verbringe ich eine (fast) ganz stille Nacht – friedlich, ohne dass ich meinen denkenden Verstand irgendwelche Geschichten stricken lasse…

Ehemalige Wachstation im Sperrbezirk

Unser MenschSein ist Begrenzung

…das muss uns bewusst werden, damit wir anfangen die Grenzen auszukundschaften, die uns gefangen halten. Da gibt es sehr alte Begrenzungen, tief eingekerbt wie die Schluchten am Euphrat.
Sie liegen im Unbewussten und steuern uns – ohne dass wir den Zusammenhang erkennen. Ängste und Bedenken sind Stoff für Geschichten, die erzählen, wie etwas sein oder werden könnte.
Diesen Geschichten haften wir an und glauben ihnen, ohne zu hinterfragen. Dieser Glaube verfestigt sich so sehr, dass wir davon überzeugt sind so zu SEIN. Das Leben schenkt uns dazu prompt die passenden Manifestationen und natürlich nutzen wir diese dann als Bestätigung dafür, dass es ja so IST.

Was für eine Irrung!

Glauben versetzt Berge…

Leider glauben wir an unechte Dinge!

Alles, was wir in Bezug auf die Beschaffenheit der eigenen Existenz glauben, bindet uns an die Vergangenheit.

Wenn Du den Moment bedingungslos erleben willst, gib alle Vorstellungen auf. Sei einfach präsent in Deinem Leben, so, wie es sich entfaltet!

Liebe fordert uns heraus, in Bezug auf unsere Glaubensvorstellungen flexibel zu sein; Andersartigkeiten und Ungewohntes ins Herz einzulassen!

Liebe bringt uns an die Grenzen dessen, was wir gewohnt sind und was wir für akzeptabel halten.

Am Euphrat entlang

Grenzenlos fließend

Der Euphrat fließt grenzenlos. Er entspringt dem Taurusgebirge in der Türkei, fließt durch Syrien, durch den Irak und mündet in den Persischen Golf. Menschen versuchen seit jeher, ihn aufzuteilen, ihn zu begrenzen und ihm Zugehörigkeit aufzuschwatzen. Das Wasser wird in Rinnen und Rohre gezwängt, und dorthin geleitet, wo es in den geschaffenen Realitäten »funktionieren« soll.

Aber Wasser lässt sich in Wahrheit nicht begrenzen, es IST – ohne auszugrenzen. Es nimmt vielleicht einen anderen Lauf oder ändert die Form… sickert unterirdisch, dampft sphärisch.
Gleich dem wahren Sein.

Kraftvolle Energie führt den Euphrat. 
Wenn ich mich ihr hingebe, fließt sie ein und durch.
Ich fließe mit. Bin Eins.

Dieser Landstrich berührt mich auf besondere Art. Es ist die Heimatregion meiner Großväter mütterlicherseits, die im Bergland nahe der Stadt Aleppo ihre Wurzeln haben. 

Mein Innerstes, nimmt die Zäune, Mauern und Kasernen nicht als Begrenzungen war. Da lebt eine Freiheit und Liebe in mir – mit den syrischen Genen, die da irgendwo in meinem Körper sind – hier ganz wach… ohne auszugrenzen.

Es fließt und nimmt wahr. Ein Gefäß das sich als illusorische Begrenzung erkennt und verdunstet…

Feigenbäume auf roter Erde… unbekannt und tief vertraut

Kälte aus Nordosten kommend, bringt Schnee bis in tiefe Lagen. Istanbul und die Küste entlang dem Schwarzen Meer ist schneebedeckt. Zentralanatolien muss warten, und ich verweile noch länger im Süden. Zeitlos tauche ich in Atmosphären ein, wie sie sich zeigen. Die endlos erscheinenden Plantagen, Feigenbäume auf roter Erde, die diese Augen so noch nie gesehen haben, brennen in mir – unbekannt und tief vertraut.
In mir explodieren Wahrnehmungen, als GewahrSein, ohne zu wissen was irgendetwas bedeutet.

Es bedarf radikaler Übungspraxis, wenn man die Grenzen der eigenen Wahrnehmung durchbrechen will….

Der denkende Verstand sucht immer nach dem roten Faden der Geschichte, mit dem er sie erklären und weiterspinnen kann. Wenn man sich darüber klar ist, wird erkannt, dass man (noch) in der Geschichte lebt… begrenzt durch das, was man sieht und deklariert.

Aufgeben, was man weiß

Diese Reiseroute fordert viel. Das Erleben der Naturschönheiten, die Konfrontation mit Situationen, die Menschen mit ihren Traditionen und Gebräuchen, die orientalische Intensität  – und leider, das allgegenwärtige Müll-Chaos. Alles ist anders, alles ist fremdartiger.
Mein Ich-System wird getriggert, so als ob die letzten vertrockneten Ablagerungen schon erlöster Konditionierungen angekratzt werden, um an die Oberfläche, ans Licht, schweben zu dürfen.
Die Beobachtung des denkenden Geistes führt in sehr subtile Gefilde….. schauen, wie er sich an Möglichkeiten klammert, die sich gegenseitig ausschließen, oder – wie vage er in den Widerstand geht und damit Konflikte einladen möchte.

Es ist ein üben darin, die Augen offen zu halten, während ich meine Erfahrungen annehme. Achtsam bleiben. Nicht einschlafen. Nicht vorgeben zu wissen, was irgendetwas bedeutet.
Ich bin mir gewahr, dass alles was mir vor Augen geführt wird, etwas ist, was ich glaube… und ich bin bereit in den Spiegel zu schauen.
Es ist eine Praxis, mich – meiner Erfahrung zu überlassen, sie nicht zu manipulieren, um Ergebnisse zu erreichen die sich das Ego wünscht.

Es ist ein beständiger Dialog zwischen meiner Erfahrung und meiner Interpretation der Erfahrung….

Das größte Hindernis zum Göttlichen, ist die Überzeugung, schon Bescheid zu wissen. Diese Überzeugung macht uns zum Gefangenen der subjektiven Interpretationen.

Wahrheit ist dann da, wenn man loslässt was man zu wissen glaubt, und sich dem überlässt – was IST. Es ist mehr ein Nichtwissen als ein Wissen, mehr ein Ausleeren als ein Füllen.

Rizvaniye Camii • Moschee in Şanlıurfa

Grenzen befreit

Sich-Einlassen, zeigt eigene Grenzen auf und zwingt uns, diese Mauern der Ängste und Urteile zu beachten und sie zu integrieren.
Es ist ein tieferes Eintauchen in die Liebe.

Authentische Spiritualität ist nicht linear. Sie schreibt nichts vor. Sie kann uns nicht sagen: »Tu dies und das, und dieses und jenes wird geschehen.« Was auch immer wir tun, muss aus unserem tiefsten Inneren kommen. Es muss frisch und klar und im Herzen verankert sein. Es muss spontan geschehen. Der Weg nach Hause ist immer anders, als wir ihn uns vorstellen. Und doch können wir immer intuitiv den nächsten Schritt erspüren.

Schau, ob die äußere Struktur, die Du für Dein Leben erschaffen hast, weiterhin Deiner inneren Wirklichkeit entspricht, wenn sich diese zu entfalten beginnt!

Sieh, wie Du Dich selbst begrenzt, indem Du das, was für den einen Moment stimmt, festschreibst – und es für den nächsten Moment zum Gesetz erhebst…

Zwischen Mezra und Cicekalan

In einem Riss scheint das Licht durch: 
Vergiss Deinen Perfektionismus!

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